„Das Morgen entsteht im Heute“

Medienmitteilung

Das Morgen entsteht im Heute – Zu den vergessenen Möglichkeiten des letzten Konzils Tagung vom Samstag, 21. November 2015 in Luzern

Ein Fazit von Erwin Koller

Das Zweite Vatikanische Konzil reichte viel weiter, als was in den letzten 50 Jahren seit dem Ende des Konzils in der katholischen Kirche spürbar wurde. So stellt sich die Frage: Welches sind die vergessenen Möglichkeiten des Konzils? Und wie ist das Konzil im 21. Jahrhundert weiterzuentwickeln? Der Weckruf des Hahns stand programmatisch als Signet über der Tagung.

Walter Kirchschläger (emeritierter Neutestamentler der Universität Luzern) erinnerte daran, dass Johannes XXIII. und das Konzil einen „Sprung nach vorn“ in Richtung „Welt von heute“ wagen wollten. Ihr Ziel war die Verheutigung der Kirche (Aggiornamento) und ihre Methode die Schaffung einer vorrangig pastoralen Kirche. Jede Interpretation des Konzils nach rückwärts ist darum obsolet. Ja sie ist – um es mit den Worten des heutigen Bischofs von Rom zu sagen –„dickköpfig, … der Versuch, den Heiligen Geist zu zähmen“. Eine Kirche, die als Volk Gottes aufbricht und unterwegs bleibt, ist nicht nur die wegweisende Vision des Konzils, die die dahinter stehende Glaubenshaltung entspricht auch den grossen biblischen Figuren des Ersten und Zweiten Testaments. Aus diesem Geist heraus setzt Franziskus von Rom aus eine Schubumkehr in Gang und wagt den Sprung nach vorn. Er verdient die aktive Unterstützung und Beteiligung aller.

Die Mutter Kirche kann nicht jubeln, wenn nur Väter und Söhne bestimmen, was Kirche ist. Die Luzerner Professorin für Pastoraltheologie Stephanie Klein rief darum die Kirchenleitung dazu auf, dass sie den „Bann“ gegenüber den Frauen aufhebt, ihre Diskriminierung der Frauen in Worten, Taten und Strukturen als Fehler erkennt und feierlich einen Weg der Versöhnung einschlägt – so wie Papst Paul VI. am Vorabend des feierlichen Abschlusses des Konzils den unerträglichen Bannfluch von 1054 über die Kirchen der Orthodoxie aufhob und dem Vergessen anheimfallen liess. Theologisch sei der Weg dafür in den Texten des Zweiten Vatikanischen Konzils und in der wissenschaftlichen Theologie längst geebnet.

Der Luzerner Befreiungstheologe Urs Eigenmann erstaunte mit der Feststellung, dass das Zweite Vatikanische Konzil als erstes Konzil in der Geschichte der Kirche überhaupt Armut und Elend thematisiert und damit den Anstoss für eine Kirche der Armen lanciert hat. Die lateinamerikanische Kirche und deren Theologie der Befreiung das Konzil nahmen diese Herausforderung ernst. Bindeglied zwischen dem römischen Konzil und der Verlautbarung des Bischofsrates im kolumbianischen Medellín 1968 war der Katakombenpakt. Darin waren am 16. November 1965 kurz vor Abschluss des Konzils in den Domitilla-Katakomben rund vierzig Bischöfe dreizehn Selbstverpflichtungen eingegangen. Mit einem neuen Selbstverständnis als Kirche der Armen für die Armen verabschiedet sich das Zweite Vatikanische Konzil von jener Kirche des Imperiums, wie sie die Konstantinische Wende hervorbrachte. Die Kirche ist berufen, das Reich Gottes in der Welt sichtbar zu machen. Sie ist darum solidarisch, schliesst nicht aus und sucht an den Rändern ihre Mitte.

Eine spannende juristische Güterabwägung nahm alt Bundesgerichtspräsident Giusep Nay vor mit der Frage, ob eine Frau im Namen der Geschlechtergleichheit die Verweigerung der Priesterweihe beim Staat einklagen könne. Er verneinte, weil ein entsprechender Zwang gegenüber der Kirche unverhältnismässig in die korporative Religionsfreiheit der Kirche eingreifen würde. Aufgrund der ‚überpositiven‘ – also nicht auf positives Recht angewiesenen – Geltung der Menschenrechte sei jedoch die Gleichstellung der Frau bei der Priesterweihe für die Kirche dringend geboten und gerechtfertigt. Es sei in hohem Mass der Glaubwürdigkeit und den eigenen Interessen der Kirche dienlich, wenn sie aus sich heraus eine Kirchenverfassung einführe gemäss dem Vorschlag von Heribert Franz Köck im Buch „Aufbruch aus der Erstarrung“ (siehe unten).

Im Dialog mit den Religionen beurteilt die feministische Basler Theologin Doris Strahm die Erklärung des Konzils über die Weltreligionen als guten Kompass. Denn mit der Bejahung der Religionsfreiheit habe das Konzil eine revolutionäre Neuerung in Gang gesetzt, noch Pius IX. hatte sie 100 Jahre zuvor als Irrtum verurteilt. Seitdem verstehe die Kirche den Dialog mit den andern Religionen als wesentlich für ihren Auftrag. Sie anerkenne die Pluralität der Religionen. Und sie bekenne, dass Gottes Heilswille allen Menschen gelte. Ernsthafte Konversation trete damit anstelle von missionarischer Konversion. Was für das 21. Jahrhundert noch fehle, sei die Anerkennung der anderen Religionen als gleichwertige Partner, in denen Gottes Geist ebenso wirksam sei.

Sechs Impulse zur Kirche Schweiz gaben reichlich Stoff für intensive Gespräche in Gruppen. Rund 180 Teilnehmerinnen und Teilnehmer diskutierten die Thesen von Thomas Wallimann-Sasaki (Sozialethik), Leo Karrer (Volk Gottes), Jacqueline Keune (Sprache der Liturgie), Helen Schüngel-Straumann (Frauen), Teres Steiger-Graf (missionarische Präsenz) und Anton Schwingruber (gesellschaftliche Relevanz).

Die Tagung an der Universität Luzern rief ein imposantes Echo hervor. Sie wurde veranstaltet vom Verein tagsatzung.ch, von der Herbert-Haag-Stiftung für Freiheit in der Kirche und vom Lehrstuhl für Pastoraltheologie der Theologischen Fakultät Luzern. Vorbereitung und Leitung lagen in den Händen von Andreas Heggli, Erwin Koller, Kathrin Lochbühler und Franziska Loretan-Saladin. Der Tagung lag das Buch „Aufbruch aus der Erstarrung“ von Georg Kraus, Hans Peter Hurka und Erwin Koller (Hrsg.) zugrunde (Münster 2015).

Luzern, 23. November 2015 Dr. Erwin Koller


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