November-Tagung des Vereins tagsatzung.ch

„Reformationen und Reformen der Kirchen – zwei Blicke zurück und nach vorn“: Unter diesem Titel führte der Verein tagsatzung.ch am Samstag eine öffentliche Tagung durch (Pfarrsaal St. Anton Luzern). Der Theologe und Journalist Erwin Koller warnte davor, nur die Reformation Martin Luthers zu sehen. Christina Aus der Au Heymann, Präsidentin des Deutschen Evangelischen Kirchentages in Berlin und Wittenberg, skizzierte, wie die Aufklärung die Anliegen der Reformatoren weiter entwickelte.

Walter Ludin

Erwin Koller begann seinen Vortrag mit einer Begriffsklärung: „Reform oder Reformation ist abzugrenzen gegenüber einer nostalgischen Restauration und einer alles auf den Kopf stellenden Revolution. Reform ist ein kreativer Prozess der Erneuerung. Er geht aus von einem Ursprung, christlich von der Bibel, ist jedoch nie rückwärtsgewandt. Massgebend für jede Reform sind die ‚Zeichen der jeweiligen Zeit‘».

Abschied vom Ablass

Erwin Koller streifte kurz die unmittelbaren Ursachen der Reformationen. Die Ablassfrage sei nur ein Auslöser gewesen.

Und mit Blick auf heute: „Ich halte es für einen Skandal, dass die katholische Kirche ein Produkt – ich wähle bewusst die Sprache des religiösen Marktes –, ein Produkt, das in der Bibel keine Begründung hat, das blasphemisch missbraucht wurde und das immensen Schaden angerichtet hat, nicht aus dem Verkehr zieht. Ausserdem versteht niemand korrekt, was Ablass ist, auch die meisten Theologen nicht (Aufbruch Januar 2017!).“

Vorgänger

Zahlreiche Bewegungen des Aufbruchs gingen den Reformationen voraus. Dazu zählte zum Beispiel die „urbanen Orden“ der Dominikaner und Franziskaner sowie die Mystiker und Mystikerinnen. Dass aus Martin Luthers Reformation eine Kirchenspaltung entstand, sei „dem Unverständnis der Bischöfe und des Papstes sowie Luthers Ungeduld“ (Erwin Iserloh) zuzuschreiben.

Koller, Präsident der Herbert-Haag-Stiftung für die Freiheit der Kirche, erwähnte dann die verschiedenartigen Formen der Reformation. Jene von Luther habe die Reformation von Zwingli in den Schatten gestellt. Dabei gäbe es weltweit mehr Zwinglianer als Lutheraner.

Anglikaner: „erster Brexit

Nicht theologische, sondern machtpolitische Überlegungen hätten zur Reformation des englischen Königs Heinrich dem VIII. geführt, dem „ersten Brexit“. Jean Calvin in Genf habe „die Reformation welt- und geschichtsfähig gemacht (Karl Barth). Die schottische Reformation von John Knox sodann stützte sich auf die Schriften von Zwinglis Nachfolger Heinrich Bullinger.

Als sechste Reformation nannte Koller – für viele wohl etwas überraschend – das Konzil von Trient, das als Zentrum der „Gegenreformation“ gilt. Das Tridentinum habe zwar viele Anliegen der Reformationen abgelehnt, aber auch etliche ihrer Impulse aufgenommen.

Den eigene Verstand benutzen

Christina Aus der Au Heymann, Geschäftsführerin es Zentrums für Kirchenentwicklung der Universität Zürich, gab der mit 70 Personen recht gut besuchten Versammlung einen kurzen Überblick über die Entwicklungen nach der Reformation. Sie erinnerte daran, dass in Deutschland die Konfessionen im Augsburger Religionsfrieden von 1555 sich versöhnten und die Losung „Nie wieder Krieg aus religiösen Gründen“ herausgaben. Dennoch kam es wegen des Prager Fenstersturzes zum Dreissigjährigen Krieg, der rund 40 Prozent der Bevölkerung ausrottete.

Einer der Kriegsteilnehmer war René Descartes. Nach Frankreich zurückgekehrt, ging er der Frage nach, was allen Menschen, ungeachtet ihrer Konfession gemeinsam sei. Den Weg zu einer Antwort fand er im vernünftigen Nachdenken des Individuums: „Cogito, ergo sum/Ich denke, also bin ich“. Dann formulierte Immanuel Kant als „Wahlspruch der Aufklärung“ den Satz „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“

Selber denken

Aus den (nach)reformatorischen Impulse zog Christina Aus der Au Konsequenzen, wie sie in den Kirchen der Reformationen gelebt werden: Selber denken: „Wir selber sind unfehlbar.“ Und: Jeder Christ ist ein Theologe. (Luther)

In der Podiumsdiskussion, die vom Tagsatzungspräsidenten Bruno Strassmann geleitet wurde, diskutierten die Referentin und der Referent Anregungen für das heutige Leben der Kirchen. Der christliche Glaube sei durch eine reiche Vielfalt geprägt. Seien vielfältigen Ausdrucksformen seien legitim, wenn sie nicht von Machtdenken geleitet sei, betonte Erwin Koller. Das Verbindende sei die Predigt Jesu vom Reich Gottes.

10 Thesen

Erwin Koller legte schriftlich 10 Thesen vor. Die letzte lautete: „ Wenn wir uns in bestimmten Dingen noch für ein getrenntes Vorgehen entscheiden, müsste das begründet werden. Kooperation der Kirchen ist die Norm, Alleingang die Abweichung.“ (Weihbischof Peter Henrici und Kirchenratspräsident Ruedi Reich zum Bettag 1997).

Christina Aus der Au, welche die Thesen zu ergänzen oder zu korrigieren hatte, betonte: „Unbedingt! Und doch müssen wir über einige Punkt in streitbaren Gespräch bleiben: neben dem Abendmahl und dem Sakramentsverständnis überhaupt auch das Amtsverständnis und daraus hervorgehen die Weihe von Priesterinnen …“

Bei der Erläuterung diese Präzisierung betonte die Referentin, vor allem bezüglich Abendmahl bestünden in ihrer Kirche noch viel Reformbedarf; sowohl bezüglich Wertschätzung, Gestaltung und Häufigkeit.“

Nicht jammern

Stimmen aus dem Publikum forderten, in der Ökumene „von unten her zu stossen“ und daran zu denken, dass viel mehr möglich ist als man annimmt. Der Tagsatzungs-Präsident rief dazu auf, in den Pfarreien und Kirchgemeinden „Kontakte zu knüpfen und Begegnungen wahrzunehmen.

Am Schluss gab Christina Aus der Au die Losung aus: „Nicht jammern. Gottvertrauen und Mut haben. Dann wird es schon gut.“