Offener Brief zum 90. Geburtstag von Prof. Hans Küng

Lieber Herr Professor Hans Küng

Die kirchliche Reformbewegung tagsatzung.ch gratuliert Ihnen ganz herzlich und dankt Ihnen für Ihr kritisch-konstruktives Engagement in der katholischen Kirche und für Ihre vorbildhafte Auseinandersetzung mit den Fragen der Menschen.

Gerne danken wir Ihnen für folgende Ihrer Verdienste, die wir besonders schätzen:
Ökumene: Ihre zutiefst ökumenische Grundhaltung zeigte sich schon zu Beginn Ihres Schaffens, in Ihrer Dissertation „Rechtfertigung“ und Ihrer Auseinandersetzung mit der evangelischen Theologie, näherhin mit der Position Karl Barths. Sie wurde vertieft im Buch „Konzil und Wiedervereinigung“ und anderen Schriften sowie durch Ihr Engagement als Konzilsperitus. In der nachkonziliaren Phase sind sie unermüdlich für die Umsetzung der Konzilsbeschlüsse und für die ökumenische Verständigung eingetreten. So war es erfreulich, dass Sie nach dem bedauerlichen Entzug der Lehrerlaubnis und dem damit verbundenen Ausschluss aus der Theologischen Fakultät Direktor des Instituts für ökumenische Forschung bleiben und als fakultätsunabhängiger Professor für ökumenische Theologie Ihre Anliegen weitertragen konnten. Immer blieb Ihnen die Aussöhnung mit den reformatorischen Kirchen ein Herzensanliegen, das in gewisser Weise in der „Gemeinsamen Erklärung zur Rechtfertigungslehre“ von 1999 ein greifbares Ergebnis zeitigte.
Kirche: Die prägenden Erfahrungen als Berater am 2. Vatikanischen Konzil (1962-65) liessen Sie zu einem Verfechter einer sich wandelnden, auf die Zeichen der Zeit antwortenden Kirche werden. Nicht anpasserisch, anbiedernd soll die Kirche sein, sondern glaubwürdige Partnerin in der Suche nach gangbaren Wegen – weshalb auch hindernde, überholte Strukturen zu ändern sind. Es ist für Sie selbstverständlich, dass die Kirche sich beteiligt an ökonomischen, politischen und juristischen Fragen und Themen, an der naturwissenschaftlichen und humanistischen Forschung, an Schule und Bildung, Literatur und Kunst… Als Anwältin des Lebens braucht die Kirche eine umfassende Perspektive (und kontextuelle, prozesshafte Theologie) und sie soll eine prophetische Stimme sein, die weiterdenkt, hinterfragt und mahnt, damit die Menschheitsfamilie und jede einzelne Person eine Zukunft hat.
Eintreten für einen verständlichen christlichen Glauben: Immer wieder erschlossen Sie die „Basics“ des Christentum in einer alltagstauglichen Sprache einem breiten Publikum (vgl. „Christ-sein“ u.a.). Denkerisch sind Sie den tiefschürfenden Grundfragen „Existiert Gott“?, „Ewiges Leben“ u.a. nie ausgewichen und haben damit vielen Menschen in Ihrer Sinnsuche theologisch und existenziell geholfen. Dabei haben Sie auch den eigenen Glauben kritisch reflektiert, die eigene Persönlichkeit mit ihren Wurzeln und den eigenen Weg mit ins Spiel gebracht, was schliesslich in ein persönliches Credo mündete. Ziel war stets ein verantworteter Glaube, der im konkreten Leben wurzelt und in dem sich Leben und Glauben wechselseitig befruchten.
Weltreligionen und Weltethos: Der Weg führte vom Dialog unter den christlichen Konfessionen zum Dialog unter den Weltreligionen. Ihre Maxime – „Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen. Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen. Kein Dialog zwischen den Religionen ohne Grundlagenforschung in den Religionen“ – führt die verantwortungsbewussten ReligionsvertreterInnen in einen notwendigen Dialog, der auf der Respektierung einer gemeinsamen Lebensbasis fusst und zu einem gemeinsamen Weltethos führen muss. Wir brauchen eine globale Ethik und eine gegenseitige Anerkennung und Achtung, um der Menschheit eine Zukunft zu geben. Mögen Ihrer Stiftung hilfreiche, bewusstseinsverändernde Schritte gelingen…

Fazit: Sie, Herr Professor Hans Küng, gehören für uns neben einigen andern zu den prägendsten und einflussreichsten deutschsprachigen Theologen der letzten 100 Jahre. Denn Sie betreiben Theologie am Puls der Zeit und der Menschen, benennen die brennenden Themen und fordern notwendige Veränderungen. Die (Amts-)Kirche wäre heute an einem anderen Ort, wenn sie statt Abwehr eine echte Auseinandersetzung mit Ihren Beiträgen und Vorschlägen eingegangen wäre, Ihr Denken aufgenommen und zum Wohl der Menschen fruchtbar gemacht hätte.
Wir sind überzeugt, Sie werden als Theologe der kritisch-konstruktiven Anfragen und Impulse, als Mensch der verständlichen Sprache und des alltagstauglichen Glaubens, als Mann des Dialogs in ethischen Menschheits-fragen in die Geschichte eingehen und Ihre Saat wird auch in Zukunft aufgehen. Ganz herzlichen Dank für Ihr Wirken und Ihr Werk!

Wir wünschen Ihnen alles Gute und Gottes Segen zum 90. Geburtstag!

tagsatzung.ch
für den Vorstand
Bruno Strassmann

 

tagsatzung.ch gratuliert Hans Küng zum 90. Geburtstag

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