Stellungnahme der Allianz „Es reicht!“

Sexueller Missbrauch in der Kirche: Vom globalen Wachrütteln zum Handeln vor Ort

 «Es reicht nicht!», sagt die «Allianz: Es reicht!» nach dem Anti-Missbrauchsgipfel in Rom. Angesichts dieser Krise der katholischen Kirche bräuchte es einen grundlegenden Perspektivenwechsel, um strukturelle und inhaltliche Reformen anzugehen.

In der Öffentlichkeit dominieren die kritischen und enttäuschten Stimmen, nachdem sich vergangenes Wochenende Bischöfe der ganzen Welt in Rom getroffen hatten, um sich die Realität und Dimension des sexuellen Missbrauchs in kirchlichem Umfeld vor Augen zu führen und mögliche Auswege aus dieser menschlichen Katastrophe und aus dem kirchen- sowie glaubensgefährdenden Sumpf zu suchen: «kein Miteinbezug der Opfer – kein echter Perspektivenwechsel – keine Ursachenbekämpfung – keine konkreten Massnahmen» – so vielerorts das Urteil.

Die «Allianz: es reicht!» teilt zwar viele dieser Kritikpunkte, greift aber die ebenfalls vorhandenen Hoffnungszeichen und Veränderungsperspektiven auf und verstärkt sie mit einem dringlichen Apell. Die zaghaft angetönten Massnahmen fordert sie dort konkretisierend ein, wo Leben und Kirche stattfinden und einheitliche Regelungen realistisch sind: in der Kirche vor Ort, hier in der Schweiz. Dabei soll das Ernstnehmen der Opfer und der Schutz von Gefährdeten im Zentrum stehen.

Die Beschlüsse der Schweizerischen Bischofskonferenz sind ein klares Statement. Die Massnahmen müssen konsequent umgesetzt und schweizweit vereinheitlicht werden, damit sie überhaupt greifen können. Es sind erste Schritte in die richtige Richtung, aber das reicht noch nicht.

Allzu spätes Wachrütteln: Die globale Perspektive in Rom

Die Allianz beurteilt die Resultate der dreitägigen Konferenz in Rom ambivalent:

Positiv ist, dass einige allzu lange Versäumnisse aufgeholt wurden:

  • «Der Hinterste und Letzte weiss es jetzt.», so Bischof Felix Gmür. Anders als im Matthäusevangelium werden zwar die Letzten kaum die Ersten sein, wenn es um den nun zwingend zu erfolgenden Schritt vom Sehen ins Handeln geht, aber: Das «Sehen» der Realität ist der notwendige erste Schritt.
  • Das Missbrauchsthema kommt enttabuisiert und unverschlüsselt auf den Tisch, wird als «Chefsache» mit allerhöchster Priorität gewichtet und zu Recht als existenzielle Krise für die Kirche und für den Glauben selbst verstanden
  • Die Opfer werden als solche anerkannt und der bisher oft praktizierten zynischen Umkehrung von Opfer- und Täterrolle kein Raum gelassen
  • Der sexuelle Missbrauch wird primär als Machtmissbrauch interpretiert und letzterer als strukturelles Problem anerkannt
  • Die Verantwortung für das konkrete Vorgehen wird der Ortskirche, also den Bischofskonferenzen und Bistümern übertragen

 

Umstritten in ihrer Deutung bleiben folgende Fragen:

  • inwiefern die Kirchenverantwortlichen den sexuellen Missbrauch lediglich als Spiegel eines gesamtgesellschaftlichen Problems interpretieren – oder kirchliche Strukturen und Haltungen selbst als missbrauchsfördernd anerkennen?
  • ob es bei der grossen Vielfalt kultureller und juristischer Eigenheiten in der kurzen Zeit überhaupt möglich gewesen wäre, konkretere Massnahmen (als das Vademecum, das Motu proprio und die zentralisierten Task Forces) zu beschliessen?

 

Enttäuschend ist

  • dass es keine echte Mitsprache der (potenziellen) Opfer gab (insb. Frauen, Ordensmitglieder, Kinder- und Jugendliche)
  • dass kein Perspektivenwechsel und keine Verhandlungsoffenheit feststellbar ist, was die strukturellen und inhaltlichen Ursachen des Machtmissbrauchs betrifft: Hierarchiegefälle und Abhängigkeitsverhältnisse, Ungleichverteilung von Macht zwischen Laien/Klerus und zwischen den Geschlechtern, Pflichtzölibat, Sexualmoral (insb. Leibfeindlichkeit / Abwertung nicht rein fortpflanzungsorientierter Sexualität), geschlossene Systeme.

 

Forderungen der «Allianz: es reicht!»

Sowohl für die weltkirchliche, als auch die ortskirchliche Dimension fordert die Allianz eine Grundhaltung, dass Schutz und Fürsorge für (potenzielle) Opfer über alles gestellt wird – insbesondere über jegliche Sorge um Täterschonung und institutionelle Reputationssorge.

Aus dieser Haltung resultiert für die Allianz folgender Forderungskanon für die Aufarbeitung und Bearbeitung von geschehenem und für die Verhinderung von neuem Unheil:

Aufarbeitung – totale Transparenz

  • Anhören, Ernstnehmen und Anerkennen der Opfer
  • systematische Öffnung und Durchsuchung der Archive, sowie statistische Erfassung und Veröffentlichung geschehener Missbräuche

Intervention/Bearbeitung – klare Richtlinien und konsequente Durchsetzung

  • transparente, klar definierte, koordinierte, (national) vereinheitliche und verpflichtende Handlungsabläufe unter grösstmöglicher Involvierung externer ExpertiInnen und staatlicher Justiz
  • «Nulltoleranz» bzgl. Meldepflicht in Verdachtsfällen (des Missbrauchs oder der Vertuschung)
  • öffentliche Transparenz bzgl. angegangener, aktueller und abgeschlossener Fälle unter Berücksichtigung des gesetzlichen Datenschutzes
  • kirchliche Anlaufstellen, die unbefangen auch über das Handeln/Nichthandeln von Bischöfen urteilen können

Prävention – Koordination und Ursachenbekämpfung

  • landesweit koordinierter Informationsaustausch zwischen verschiedenen Anstellungsbehörden und pastoral Verantwortlichen
  • einheitliche Regelung bzgl. Pflichtkonsultation des Sonder-Privatauszuges (nicht nur bei Personen mit Missio, sondern aller kirchlich Angestellten, die mit potenziellen Opfern in Kontakt sind)
  • keine Versetzung Verdächtigter oder Verurteilter an missbrauchsanfällige Positionen
  • Einbindung externer ExpertInnen in die Personalausbildung und -Auswahl
  • standardisierte und koordinierte weitere Präventionsmassnahmen unter Einbezug der Anstellungsbehörden, pastoral Verantwortlichen, Katechese, sowie der offenen und verbandlichen Kinder- und Jugendarbeit

Erkennen und Verändern von Systemursachen

  • insbesondere die Sexualmoral
  • die Ungleichverteilung von Macht (Mann/Frau, Klerus/Laien)
  • Pflichtzölibat als relevanten Faktor für das Sexualleben der Zölibatären anerkennen

Die Mitgliederorganisationen der Allianz bieten Hand, bei der Erarbeitung und Umsetzung dieser Massnahmen mitzuwirken – zum Schutz ihrer eigenen Mitglieder und anderen Gefährdeten, aber auch zum Wohl der Kirche und ihrer wertvollen Botschaft.

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Es ist Zeit, dass sich die katholische Kirche endlich an den gesellschaftlichen Realitäten und moralischen Werten – wie Menschenrechte, Gleichstellung der Geschlechter etc. orientiert.

Kommentare sind geschlossen.