Ergreift das Volk Gottes bald «Notstands­regelungen»?

Bekanntlich formulierte die Synode 72 vor rund fünf Jahrzehnten zahlreiche Reform-Postulate. Soll es nun eine «Synode 22» geben, um zu zeigen, dass das Volk Gottes nach wie vor Reformen fordert? Mit dieser Frage befassten wir uns am vergangenen Freitag auf Einladung des Vereins Tagsatzung.

von Walter Ludin

Es herrschte viel Skepsis. Die Meinungen über das weitere Vorgehen waren sehr unterschiedlich. Ein Postulat aber fand auf vielfache Zustimmung: «Machen statt immer nur reden – ohne dass etwas geschieht!!»

Es trifft sich, dass der nächste (und letzte) Abschnitt des Wiener Vortrags von Walter Kirchschläger, den ich hier zitieren will, genau in diese Richtung zielt. Der Referent sprach von einer «eucharistischen Aushungerung der Pfarreien», weil die Kirchenleitung sich stur weigert, die Zugänge zum Amt zu ändern (keine verheirateten Priester, kein Frauenpriestertum …). Er sieht darin einen Notstand, der auf «latenter Pflichtverletzung» beruht.

Als Getaufte in der Dynamik des Geistes

Es ist offensichtlich. Notstände rufen nach Notstandsregelungen. Dazu Walter Kirchschläger: «Das schnell auftauchende Wort ’Ungehorsam’ kann getrost zurückgewiesen werden. Ich würde eher von der notwendigen Wahrnehmung von Verantwortung sprechen, die andernorts brach liegt. (…) Dieser Imperativ zum Handeln entspringt also der Überzeugung, dass wir als Getaufte mit der dynamischen Kraft des Geistes ausgestattet wurden.»

Konkreter: «Wir können Menschen, die wir dafür bewährt und dazu fähig halten, einladen und beauftragen, als Kirche am Ort in unserer liturgischen Mahlfeier den Vorsitz zu übernehmen und uns in der Feier des Mahles anzuleiten.» Ein solcher aussergewöhnliche Vorgang müsse «einfühlsam vor sich gehen», um wenn immer möglich Irritationen zu vermeiden. (…)

Die Gestaltung der Mahlfeier sollte zwar die grundlegenden Elemente der Eucharistiefeier enthalten, aber in Text und Vollzug vor allem die Zusammensetzung der feiernden Gemeinde spiegeln.

Sie haben es sicher gemerkt: Ich habe die Bezeichnung ›Herrenmahlfeier’ vermieden. Es ist nicht notwendig, weiter ins geöffnete Messer zu laufen als es sinnvoll ist. Ungeachtet dessen bin ich überzeugt: Wenn eine Gemeinschaft von Getauften im Bewusstsein ihrer Geistbegabung und im Bewusstsein der Gemeindenot im Namen des dreifaltigen Gottes zusammenkommt, um ihr Kirche-Sein als Leib Christi zu feiern, indem sie auf das Wort Gottes hört und das Brot dieses Leibes bricht, so wird das geschehen, was wir von Eucharistiefeiern aussagen: Der auferstandene und erhöhte Herr ist in dieser Gemeinschaft gegenwärtig . Er vermittelt sich im verkündeten Wort und im gebrochenen, verteilten und gemeinsam gegessenen Brot sowie im geteilten Becher und macht so in der feiernden Gemeinschaft seine personale Gegenwart, die Teilhabe mit Christus und Gemeinschaft untereinander erfahrbar, sodass die Gemeinschaft den darin geschenkten schalom aus dieser Feier hinaustragen kann.»

Vor Gott ohne Bedeutung?

Dann stellt Walter Kirchschläger die Frage: «Glauben Sie allenfalls tatsächlich, dass ein Mahl, das in der beschriebenen Weise von Menschen in entsprechender Absicht gefeiert wird, vor Gott einfach keine Bedeutung haben sollte?»

Rückblende: Schon vor etwa 30 Jahren schlug der bekannte österreichische Jugendseelsorger Peter Paul Kaspar an einem deutschsprachigen Gemeindeforum vor: «Teilen wir miteinander Brot und Wein. Lesen wir dazu die Bibel (Bericht vom Abendmahl). Alles andere überlassen wir Jesus.»