Tagsatzung.ch zum synodalen Weg

Braucht es einen «synodalen «Weg» oder eine Synode?

Niemand weiss, wie es mit der Kirchenreform weitergeht. Doch eines ist klar: Es kann nicht sein, dass nichts geschieht. Dies sagte Ende September sinngemäss Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz/dbk, an einem Treffen mit den Medien, vor die Herbstversammlung der dbk.

Diesem Statement ging eine wochenlange Diskussion voran über die Bedeutung des Begriffs «synodaler Weg». Ein Schreiben aus dem Vatikan wollte diesen Ausdruck verbieten, den die Bischöfe für ihren Reformprozess gewählt hatten. Dahinter steht offensichtlich die Angst, die Vertretung der Laien könnte die Bischöfe als die eigentlich Verantwortlichen der Kirche überstimmen. Ebenso zeigt sich hier wohl die Befürchtung, Deutschland könnte unter Missachtung von weltkirchlichen Vorschriften einen Sonderweg einschlagen.

Nach dem Schluss der Herbstversammlung der deutschen Bischofskonferenz konnte jedoch ihr Vorsitzender feststellen, dass die Bischöfe den «synodalen Weg» weitergehen. Gespräche mit dem Vatikan hätten gezeigt, dass es dazu «keine Stoppschilder aus Rom» gäbe.

Doch in der Schweiz vermeiden die Bischöfe für ihren angesagte Reformprozess das Wort «synodal». Sie lancierten den Begriff «Gemeinsam auf dem Weg zur Erneuerung der Kirche».

Dabei hätte gerade die Schweizer Kirche allen Grund, nicht nur einen synodalen Prozess in Gang zu setzen, sondern eine eigentliche Synode. Denn schon vor fast einem halben Jahrhundert – bald nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil – gab es hier die «Synode 72». Sie war ein starker Ausdruck einer sich erneuernden Kirche. Alle Beteiligten spürten, dass die kirchliche Zukunft vom ganzen Volk Gottes abhängt.

Mit Blick auf die Auseinandersetzungen zwischen dem Vatikan und den deutschen Katholiken darf an eine Besonderheit der Schweizer Synode erinnert werden. Nach dem damaligen Kirchenrecht hatte wenigstens die Mehrheit der Synodalen zum Klerus zu gehören. Die Schweizer Bischöfe wollten aber die Rolle der Laien stärken. Sie baten den Vatikan mit Erfolg um die Erlaubnis, dass die teilnehmenden Ordensleute zum Klerus gezählt wurden, auch jene, die kirchenrechtlich «Laien» waren (Ordensmänner ohne Weihe, Ordensschwestern).

Dieser Hinweis ist nicht nur eine kirchenhistorische Reminiszenz.   Er zeigt, in welche Richtung sich die offizielle Kirche in den letzten Jahren entwickelt hat: nach rückwärts statt in der Dynamik des Zweiten Vaticanums nach vorwärts. Die Gegenwart mit dem zusehends grösser werdenden Reformbedarf ist der Kairos, die Kirchenleitung daran zu erinnern, dass Restriktionen jeder Art in eine Sackgasse führen.

Nochmals zu Deutschland: Auch wenn die dortigen Bischöfe betreff Laienbeteiligung nicht so weit gingen wie ihre Schweizer Kollegen, war die dortige «Würzburger Synode» ein Ereignis, in dem die Laien das Vertrauen ihrer Oberhirten hatten und sich voll einbringen können.

Friedrich Kronenberg, der langjährige Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken/ZdK, war massgeblich an der Vorbereitung und Durchführung der deutschen Synode beteiligt. Er formulierte kürzlich vorsichtig, die Notwendigkeit einer Kirchenreform «dürfte heute die Einberufung einer Synode erforderlich machen». Doch etwas wehmütig fügt er hinzu, es spräche einiges dafür, «dass wir inzwischen synodenunfähig sind».

Er lässt es aber nicht dabei bewenden, sondern  meint: «Der ‘synodale Weg’ könnte der Frage nachgehen: Was ist zu tun, damit die Kirche in Deutschland wieder synodenfähig wird, dass eine Synode durchgeführt werden kann, die der Würzburger Synode vor fünf Jahrzehnten vergleichbar ist?» (Kronenbergs Überlegungen erschienen in der Zeitschrift «Christ in der Gegenwart» am 20. September 2019 unter dem Titel «Es geschah in Würzburg».)

Die tagsatzung.ch zeigt sich dafür dankbar, dass Bischöfe und Laien im nördlichen Nachbarland sich mutig auf einen «synodalen Weg» einlassen und dass der ehemalige Hauptverantwortliche des ZdK vorschlägt, noch weiter zu gehen und eine Synode ins Auge zu fassen. Sie und weitere Kreise der reformwilligen Schweizer Katholiken sind schon seit längerem an die Bischöfe gelangt, ein Ereignis wie die Synode 72 durchzuführen. Da sie auf kein Echo stiessen, sind sie im Augenblick daran abzuklären, ob 50 Jahre später eine basiskirchlich durchgeführte «Synode 22» wünschbar und möglich wäre.

Die tagsatzung.ch hat jedoch die Bereitschaft bekundet, in «einer Steuerungsgruppe den Prozess ‘Gemeinsam auf dem Weg für die Erneuerung der Kirche’ mitzutragen und für eine zukunftsfähige und lebendige Kirche einzutreten». Wie weit beide Wege – die Bemühungen der SBK und eine Veranstaltung, initiiert von der Kirchenbasis – notwendig sein werden, wird sich wohl bald zeigen.

Eines jedenfalls ist klar: Es darf nicht passieren, dass nichts geschieht (vgl. das einleitend zitierte Wort von Kardinal Marx). Sonst wäre eine evangeliumsgemässe Zukunft der Kirche Schweiz ernsthaft in Gefahr.

Walter Ludin und Vorstand tagsatzung.ch

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  1. DANKE!!!!! n

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